Brexit, Trump und Russland: Unternehmen leiden unter Unberechenbarkeit der Politik

Eine neue Studie zeigt, dass die Einbußen aufgrund politischer Risiken 2017 deutlich gestiegen sind. Zwei Länder gelten als besonders unzuverlässig.

General Motors galt seit den 1980er Jahren als Marktführer in Venezuela. Doch im April vergangenen Jahres erlitt die Beziehung zwischen dem US- Konzern und dem südamerikanischen Land eine heftige Delle. Behörden beschlagnahmten das GM-Werk in der Stadt Valencia. „Überraschend und unzulässig“, wie das Unternehmen befand. GM entließ die 2700 Angestellten und schrieb die Fertigungsstätte ab. In den Büchern schlug das Werk mit einem Minus von 100 Millionen Dollar zu Buche.

Es ist ein drastisches Beispiel, wie politische Unwägbarkeiten Unternehmen beeinflussen. Doch es scheint, als könnten solche Ereignisse in Zeiten des Brexits und des US-Präsidenten Donald Trump zum Alltag werden. Das jedenfalls legt eine neue Studie der Beratungsunternehmen Willis Towers Watson und Oxford Analytica nahe. Sie besagt, dass die Verluste, die Unternehmen aufgrund politischer Risiken hinnehmen mussten, seit 2017 deutlich gestiegen sind.

Gut die Hälfte der befragten Firmen mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Dollar musste demnach durch politische Risiken im vergangenen Jahr einen Verlust von mehr als 100 Millionen Dollar hinnehmen. Zu den häufigsten Gründen für Einbußen zählten der Erhebung zufolge schwankende Wechselkurse (60 Prozent), politische Gewalt (48 Prozent) und Import- oder Exportembargos (40 Prozent). Die meisten Schadensfälle lagen in Russland und Vietnam vor.

Der Brexit bringt schon jetzt Verluste mit sich

„Der Anstieg der politischen Risiken bedeutet für international agierende Konzerne eine wiederkehrende monetäre Aufwendung“, sagte Mathias Pahl, Leiter der Abteilung Corporate Risk and Broking bei Willis Towers Watson. Für die Studie „Political Risk Survey“ waren Führungskräfte von 40 globalen Firmen aus verschiedenen Branchen befragt worden.

Der Unternehmensberater Eric Lüders kann diese Erfahrungen mit Blick auf den Brexit und die US-Handelspolitik bestätigen. „Mir fällt kaum ein Kunde ein, der nicht von einem der Events getroffen wurde“, sagt der Partner im Beratungsunternehmen Deloitte dem Tagesspiegel. „Viele Firmen fahren aufgrund des Brexits schon jetzt Verluste ein, etwa wenn sie Operations von Großbritannien aufs Festland verlegen müssen“.

Als größte Risiken sehen Unternehmer laut der Studie eine mögliche US-Sanktionspolitik, die Krise der Schwellenländer, Handelsschranken sowie aufkommenden Populismus und Nationalismus. Die Reaktion der Firmen ist der Erhebung zufolge eine Art Vermeidungstaktik. 82 Prozent der Unternehmen fuhren ihre Investitionen herunter, 88 Prozent gaben dabei an, in bestimmten Ländern gar nicht mehr investieren zu wollen.

Der Binnenkonsum macht Deutschland stark

Alexander Boersch, Chefökonom bei Deloitte, bestätigt: „Viele Unternehmen überprüfen ihre Investitionsstrategie und ihr Supply-Chain-Management, um sich zu vergewissern, dass ihre Aktivitäten auch in Zukunft wie bisher weitergeführt werden können.“ Sein Kollege sieht noch einen anderen Trend. Er registriere eine erhöhte Zahl von Anfragen, in denen Unternehmen um Hilfe bei der Prognose von politischen Risiken fragen. Tatsächlich wird aus seiner Sicht die Auswertung von Nachrichten immer wichtiger. „Wir beobachten, dass deutlich mehr Mittel und Anerkennung in Abteilungen fließen, die sich mit solchen Prognosen beschäftigen“, so Lüders.

Dabei seien die Auswirkungen der globalen Krisen in Deutschland noch vergleichsweise klein. „Derzeit wird das Wachstum hierzulande noch vom Konsum getrieben“, sagt Boersch. „Deshalb ist die deutsche Wirtschaft aktuell nicht so stark vom Export und den Unwägbarkeiten im Ausland abhängig.“ Er würde nicht darauf setzen, dass das so bleibt: „Ich kenne viele Unternehmen, die überrascht davon sind, dass die politischen Risiken noch keine schwereren Schäden angerichtet haben.“