Schaden Ratingagenturen Afrikas Wirtschaft?


 
 
 

Afrikas Regierungen sind sauer: Bei internationalen Ratingagenturen wie Moody’s oder Fitch kommen ihre Länder meist nicht gut weg – mit potentiell negativen Folgen für die Wirtschaft. Nun regt sich Widerstand.

Namibias Finanzminister verlor die Geduld, dabei ging es nur um einige Zahlen und Buchstaben: Die Bewertung seines Landes sei „verwirrend“ und „rätselhaft“ schimpfte Calle Schlettwein im Sommer 2017. Die US-Agentur Moody’s hatte Namibia da gerade von der Bonitätsnote „Baa3“ auf „Ba1“ heruntergestuft – namibische Staatsanleihen gelten seither als „spekulativ“. Damit hat es das Land aber immer noch besser erwischt als die meisten anderen auf dem Kontinent. Denn von 21 bewerteten afrikanischen Staaten bescheinigt Moody’s derzeit 14 „mangelhafte“ oder sogar „ungenügende“ Bonität. Anleihen dieser Staaten hält die New Yorker Agentur für „hochspekulativ“.

Kritik nicht nur aus Afrika

Denn von den kryptischen Zahlen- und Buchstabenkombinationen, mit denen die Agenturen einschätzen, wie kreditwürdig ein Staat ist, hängt eine Menge ab. Ein schlechtes Rating bedeutet „Finger weg“ – zumindest für Investoren, die aus Prinzip auf Sicherheit setzen. „Zentralbanken aber auch viele öffentliche Pensionsfonds haben klare Regelungen, in welche Anlageklassen sie investieren dürfen“, sagt Kai Gehring, Ökonom an der Universität Zürich. Manchen Staaten entgehen dabei potenzielle Investitionen in Millionenhöhe. Wer schlecht bewertet wird, zahlt auf den internationalen Finanzmärkten für Kredite außerdem höhere Zinsen.

Eine ganze Reihe afrikanischer Regierungen sind daher auf die Ratingagenturen schlecht zu sprechen. Drei US-Unternehmen beherrschen den Weltmarkt: Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch. Für viele Beobachter ist allein schon das ein Problem: „Kritiker sagen, dass hier eine ganze Menge subjektiver Einschätzungen im Spiel sind und dass die Agenturen weder die Situation noch die Herausforderungen verstehen, vor denen afrikanische Staaten stehen“, sagt etwa Sean Gossel, Wirtschaftsprofessor an der Universität Kapstadt.

Doch sind die Ratingagenturen voreingenommen? „Über die Bewertungen entscheidet ein Komitee und nicht ein einzelner Analyst“, teilt Moody’s auf DW-Anfrage schriftlich mit. „Dadurch reflektieren unsere Bewertungen eine Vielfalt von Erfahrungen und Expertise.“ Die Agenturen ziehen dabei eine ganze Reihe von Faktoren zu Rate: Ist ein Staat politisch stabil oder an der Schwelle zum Bürgerkrieg? Hat die jeweilige Regierung ihre Schulden immer pünktlich bezahlt? Sind die Gerichte unabhängig, kann ein Investor seine Forderungen im Zweifelsfall einklagen?

Sprache und kulturelle Unterschiede spielen eine Rolle

80 Prozent der Unterschiede in den Ratings ließen sich durch diese Faktoren erklären, sagt Experte Gehring. Er hat die Bewertungsmethoden der Agenturen in einer umfangreichen Studie gemeinsam mit einem Kollegen untersucht. Doch die verbleibenden 20 Prozent gingen auf subjektive Faktoren zurück.

„Man muss sich klar machen, dass ein Teil des Ratings auch eine Einschätzung über die Zukunft ist. Man sieht sich nicht nur vergangenheitsorientierte Daten an, sondern versucht auch, diese Daten in die Zukunft zu projizieren.“ Dabei könnten auch kulturelle oder sprachliche Unterschiede zwischen dem Land, aus dem die Agentur oder die Analysten kommen, und dem Land das bewertet wird eine Rolle spielen, so Gehring. Nach seinen Berechnungen könne ein afrikanischer Staat aufgrund dieser subjektiven Faktoren gut eine Ratingklasse niedriger bewertet werden als ein vergleichbares europäisches Land.

Afrikanische Ökonomen fordern daher, die Agenturen stärker zu regulieren. „Afrikanische Länder brauchen einen gemeinsamen Ansatz, um den Kontinent vor Bewertungsmissbrauch zu schützen“, fordert der südafrikanische Wirtschaftswissenschaftler Misheck Mutize. Er schlägt vor, dass die Afrikanische Union eine Regulierungsbehörde für die Ratingagenturen einrichtet. Sie soll Standards für die Regulierung festlegen und prüfen, ob die Ratings fair sind.

„Nur kurz einfliegen reicht nicht“

Die Regierung Südafrikas – dessen Kreditwürdigkeit von den Ratingagenturen mehrfach herabgestuft wurde – denkt noch einen Schritt weiter: Gemeinsam mit den übrigen BRICS-Ländern (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) plant es eine eigene Ratingagentur. Unklar aber bleibt, ob internationale Investoren dem Urteil einer solchen Agentur überhaupt Vertrauen schenken würden.

Sean Gossel von der Universität Kapstadt sieht noch einen anderen möglichen Ansatz: Er glaubt, dass Ratings anders ausfallen würden, wenn die Agenturen den afrikanischen Kontext besser kennenlernen. „Es reicht nicht, wenn sie einfach einfliegen, einige Daten erheben und dann wieder gehen“, sagt er. Stattdessen müssten die Agenturen vor Ort ständig präsent sein. Marktführer Standard & Poor’s zum Beispiel bewertet laut Firmenwebsite 128 Länder. Für Afrika gibt es aber nur ein Büro in Südafrikas Wirtschaftsmetropole Johannesburg.

Auch der Züricher Ökonom Gehring würde mehr lokale Präsenz der Agenturen gut finden. Doch das würde aus seiner Sicht die Ratings nicht fundamental ändern: „Ein Großteil der Ratings lässt sich durch ökonomische und politische Faktoren erklären. In Afrika sind das oft das Konfliktrisiko oder die Kredithistorie“, sagt er. Und damit würde der Ball wieder bei den afrikanischen Regierungen liegen – und der Politik, die sie betreiben.