Wie Leica digitaler werden will


 
 
 

Der Fotokonzern Leica hat sich als Marke für Lifestyle etabliert. Doch nun soll für das Traditionsunternehmen ein neues Konzept her.

Lange war es ruhig um die Leica Camera AG. Ruhe, die das Unternehmen mit einer der renommiertesten deutschen Luxusmarken im Namen genutzt hat, um sich weltweit in einem schwierigen Markt zu behaupten. Der Fotokonzern Leica gilt heute als Lifestyle-Marke, die vor allem in Asien große Erfolge feiert.

Die Ruhe hat man auch genutzt, um am Firmensitz im mittelhessischen Wetzlar mit dem Leitz-Park für Investitionen von insgesamt 165 Millionen Euro ein hochmodernes Industrieareal samt Hotel, benannt nach dem Unternehmensgründer Ernst Leitz, auf die Beine zu stellen. Von einem „gallischen Dorf“ in der Kamerabranche ist schon mal die Rede. Aber jetzt holt auch Leica der digitale Wandel endgültig ein. Die Traditionsfirma steht vor einem Umbruch, dem 100 der rund 800 Arbeitsplätze zum Opfer fallen sollen. Andererseits sollen aber auch 30 bis 40 neue Jobs geschaffen werden.

Auf einer Betriebsversammlung Anfang Juni zeigten sich die Beschäftigten dem Vernehmen nach überrascht, weil auch das Geschäftsjahr 2018/2019 Ende März erfolgreich und deutlich besser als das Vorjahr abgeschlossen wurde. Leica profitiert offenbar vor allem vom Geschäft abseits des Verkaufs der hochwertigen Kameras. Unter anderem von der Allianz mit dem chinesischen Smartphone-Hersteller Huawei, der seine Top-Geräte mit Optik aus Wetzlar bestückt. Ob dies so weiterläuft, ist angesichts der US-Sanktionen gegen Huawei allerdings mehr als unsicher.

Zweite digitale Revolution

Vorstandschef Matthias Harsch zufolge ist das aber nicht der Grund für den Umbau, der zwei bis drei Jahre dauern soll. Das Kamerageschäft erlebe eine „zweite digitale Revolution“. Deshalb sei der Wandel von einem mechanisch-optischen zu einem optisch-digitalen Unternehmen unumgänglich. Harsch spricht vom digitalen Ökosystem der Fotografie, das Leica prägen wolle. In der Entwicklung und im Marketing sollen 80 bis 100 Stellen sozialverträglich abgebaut werden. Das Marketing soll digitaler, eine Million Kunden direkt angesprochen werden. Umgekehrt sollen 30 bis 40 Software-Experten neue Jobs bei Leica finden. In die Produktion in Wetzlar sollen mehrere Millionen investiert werden. Das, so Harsch, sei ein klares Bekenntnis des Leica-Camera-Mehrheitseigentümers Andreas Kaufmann und der US-Beteiligungsgesellschaft Blackstone, die seit 2011 bei Leica mitmischt.

Bei der IG Metall erkennt man durchaus die Notwendigkeit der Veränderung. „Es geht uns nicht um das Ob, sondern das Wie“, sagt Gewerkschafts-Bevollmächtigter Stefan Sachs. Das Unternehmen habe sieben Monate gebraucht, um das neue Konzept zu erarbeiten, deshalb werde man es nun nicht schnell abnicken. Aber man wolle auch keinen Konflikt. Sachs geht es um sozialverträgliche Regelungen und den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen.

Dass Leica Camera seit der Beinahe-Pleite vor rund 15 Jahren – man hatte die erste Welle der Digitalisierung verschlafen – einen für viele Beobachter erstaunlichen Weg hin zum weltweit anerkannten Anbieter von Luxus-Kameras genommen hat, erkennt die IG Metall ausdrücklich an. 400 Millionen Euro nach 312 Millionen im Jahr zuvor hat Leica Camera 2018/2019 umgesetzt und 40 Millionen Euro Gewinn eingefahren. Umso wichtiger ist es nach Ansicht von Harsch, jetzt zu reagieren.

Denn der Kameramarkt ist extrem schwierig. Smartphones haben den Massenmarkt praktisch komplett ersetzt. Hochwertige Kompaktkameras mit Preisen ab 1000 und teure Systemkameras mit Preisen ab 1500 Euro aber haben ihre Stellung halten können. Leica sieht sich dort gut aufgestellt mit einem Marktanteil von etwa ein bis zwei Prozent. Asien ist mittlerweile der größte Markt mit einem Umsatzanteil von gut einem Drittel. Als in einem Werbevideo von Leica vor wenigen Wochen das Massaker auf dem Tianmen-Platz in Peking vor 30 Jahren thematisiert wurde, distanzierte sich der Konzern umgehend. Das Video sei nicht offiziell genehmigt worden. Deutschland hat einen Umsatzanteil von nur noch etwas mehr als zehn Prozent. Leica selbst ist weltweit mit 105 Läden präsent.

Leica als Aushängeschild

Nicht nur für das mittelhessische Wetzlar ist Leica ein Aushängeschild, sondern weit über die Region hinaus. Als Vater des Erfolgs gilt der Österreicher Andreas Kaufmann. Er ist 2004 bei Leica eingestiegen, hält heute 55 Prozent der Anteile. Kaufmann investierte Millionen in die Neuaufstellung des Unternehmens. Beobachter sagen, dass es Leica ohne Kaufmann heute wohl nicht mehr gäbe. Der Rest der Anteile liegt bei Blackstone. Der US-Investor ist aber angeblich auf der Suche nach einem Käufer. Eine Option ist dem Vernehmen nach auch die Rückkehr von Leica an die Börse.

Den erfolgreichen Weg des Nischen- und Luxus-Herstellers geht das Unternehmen unabhängig von diesen Überlegungen wohl weiter. Seit Mitte 2018 produziert Leica in Wetzlar erste eigene mechanische Luxus-Uhren. Mindestens 9900 Euro müssen Käufer dafür zahlen. Auch ein Leica-Phone schließt Unternehmenschef Harsch nicht aus. Schließlich sei die Kamerafunktion in Smartphones für Leica ein Kerngeschäft der Zukunft.