Kommentar: Russlands Getreideembargo ist ein Warnsignal

Hoffen auf eine gute Ernte
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Der größte Weizenexporteur der Welt muss wegen der Corona-Pandemie und anhaltender Dürre ein Ausfuhrverbot verhängen. Das führt zur weiteren Verknappung von Lebensmitteln auf dem Weltmarkt, warnt Andrey Gurkov.

Russland, seit einigen Jahren größter Weizenexporteur der Welt, hat die Belieferung des Weltmarktes mit Getreide vorläufig eingestellt. Der Ausfuhrstopp kam mit Ansage: Bereits Ende März hatte Moskau entschieden, die Verkäufe von Weizen, Roggen, Gerste und Mais in Staaten außerhalb der Eurasischen Wirtschaftsunion, der insgesamt fünf postsowjetische Länder angehören, von April bis Ende Juni auf nur sieben Millionen Tonnen zu begrenzen.

Diese Quote wurde bereits Ende April ausgeschöpft. Angesichts steigender Getreidepreise auf dem Weltmarkt und eines schwachen Rubels ist der Verkauf außer Landes für russische Agrarfirmen zurzeit besonders attraktiv. Genau deshalb wurde der Export auch vorsorglich eingeschränkt: Die russische Regierung will den heimischen Markt vor steigenden Brotpreisen und möglichem Mangel schützen.

Russlands Deviseneinnahmen gehen rapide zurück

Solch eine staatliche Einmischung in das Marktgeschehen ist in Zeiten größter Unsicherheit aufgrund der Corona-Pandemie nachvollziehbar und aus innenpolitischer Sicht durchaus begründet. Ähnlich verfuhren vor einigen Wochen auch asiatische Länder wie Vietnam und China, die die Ausfuhr von Reis einschränkten.

Für die russische Wirtschaft und den Staatshaushalt bedeutet dieser Ausfuhrstopp allerdings einen weiteren Ausfall von dringend benötigten Deviseneinnahmen, die jetzt ohnehin rapide zurückgehen. Russlands Unternehmen und Konsumenten sind nämlich sehr stark vom Import verschiedenster Waren abhängig. Die Exporte stehen dagegen lediglich auf drei Säulen: Rohstoffe, Waffen; Getreide. Der Ölpreis ist aber katastrophal abgestürzt. Der Gaspreis ebenfalls. Neue Panzer und Raketen sind in Zeiten von COVID-19 auch nicht unbedingt ein großer Renner. Und jetzt muss Russland zudem noch auf Devisen aus dem Verkauf von Weizen verzichten.

Die russische Zentralbank schätzt, dass die Exporterlöse des Landes von 419 Milliarden US-Dollar im vorigen Jahr in 2020 um 40 Prozent auf 250 Milliarden zurückgehen und selbst 2022 noch unter dem Niveau von 2019 bleiben werden. Noch schlimmer für das Land würde es kommen, wenn die Ölpreise niedriger bleiben als prognostiziert, und Moskau dazu noch den Ausfuhrstopp für Getreide um viele weitere Monate verlängern müsste.

Der Klimawandel könnte 2020 eine Dürre hervorrufen

Das ist aber durchaus möglich, denn die Meteorologen warnen schon, 2020 könnte eines der fünf wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen oder sogar das heißeste werden. In Ländern, die viel Getreide anbauen, auch in Deutschland, sind die Böden ohnehin schon zu trocken. Die Kornkammer Russlands, sein europäischer Süden, klagt ebenfalls über viel zu wenig Niederschläge.

Sollte also der Klimawandel ausgerechnet im Jahr der Corona-Krise zu einer Dürre und schlechten Getreideernten führen, würde Moskau mit großer Wahrscheinlichkeit am Exportstopp weiter festhalten (müssen). Das bisher letzte große russische Ausfuhrverbot für Weizen dauerte ganze zehneinhalb Monate: vom 15. August 2010 bis zum 30. Juni 2011. Sollte sich etwas Ähnliches jetzt wiederholen, würde darunter bei weitem nicht nur der russische Devisenhaushalt leiden.

Hungersnöte wegen steigender Lebensmittelpreise

Denn ein längeres Fernbleiben des größten Weizenlieferanten würde auf dem Weltmarkt zweifellos zur Verknappung des Angebots an Lebensmitteln führen. Besonders dann, wenn auch andere Produzenten von Agrarerzeugnissen zum Instrument des Ausfuhrstopps greifen müssten. Für die von der Corona-Rezession heimgesuchten reicheren Länder würde dies einen Anstieg der Lebenshaltungskosten bedeuten. Für die ärmeren und ärmsten Staaten wäre die Konsequenz dagegen blanker Hunger. Jener Hunger, der, wie die UNO immer eindringlicher warnt, unter den Umständen einer Pandemie „biblische Ausmaße“ annehmen könnte.

Und Hunger ist immer sozialer Sprengstoff. Nach Meinung der allermeisten Experten war das russische Weizenembargo von 2010 einer jener Tropfen, die das Fass der Not und der Unzufriedenheit in den Ländern des Orients endgültig zum Überlaufen brachten und all die Aufstände und Revolutionen nach sich zogen, die später „Arabischer Frühling“ genannt wurden. Jene Erschütterungen hatten zahlreiche schwerwiegende Folgen: für Europa unter anderem eine beispiellose Flüchtlingskrise, für Russland die Teilnahme an zwei Kriegen – offiziell in Syrien und inoffiziell in Libyen.

Hoffen auf eine gute Ernte

Das jetzige, vorerst temporäre russische Weizenembargo sollte daher als Warnsignal verstanden werden. Ändern lässt sich leider nichts, aber man sollte sich zumindest der möglichen Folgen bewusst sein. Und man sollte natürlich hoffen, dass Russland in diesem Jahr eine prächtige Ernte einfährt und recht bald als großer Getreidelieferant auf den Weltmarkt zurückkehrt. Das wäre für alle das beste Szenario.