Lidl in den USA: „Vielleicht muss erst einer sterben“

Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte sich Lidl am hart umkämpften US-Markt bereits etabliert
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Mitarbeiter verschiedener US-Supermärkte klagen über unzumutbare Arbeitsbedingungen in der Corona-Krise. Vor allem der Discounter Lidl steht in der Kritik. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück.

Wenn Marian Meszaros zur Arbeit geht, ihre Uniform anzieht und sich hinter die Fleisch-Theke stellt, überkommt sie jeden Tag aufs Neue ein ungutes Gefühl. Seit Jahren arbeitet die 63-jährige in der Fleischwarenabteilung von Best Market, einer von Lidl geführten Supermarkt-Kette etwa 30 Minuten von New York City entfernt.

Seit einer ihrer Kollegen a COVID-19 erkrankt ist, fühlt sie sich allerdings zunehmend unwohl. „Ich gehe jeden Tag zur Arbeit und setze mein Leben aufs Spiel“, sagt sie verärgert. Erst durch Gerüchte habe sie von dem Infektionsfall erfahren. Lidl selbst habe die Belegschaft erst Wochen später über den Fall informiert. „Ich habe das Gefühl, dass wir denen egal sind“, sagt Meszaros in einem Radio-Beitrag auf WNYC.

„Vielleicht muss auch bei uns erst einer sterben“

Meszaros glaubt, Lidl wolle Profit auf Kosten der Mitarbeiter machen. Regelmäßig mache sie Überstunden, bekomme aber im Gegenzug weder mehr Gehalt noch angemessenen Arbeitsschutz von Lidl gestellt. Nicht mal gereinigt worden sei der Laden nach Bekanntwerden des Falls.

Lediglich zwei der 27 im Großraum New York ansässigen Filialen seien in den letzten Wochen zwecks Grundreinigung geschlossen worden – allerdings erst nachdem mehrere Lidl-Mitarbeiter am Virus verstorben seien.

Immer noch seien Toiletten für die Öffentlichkeit zugänglich, der Pausenraum total verschmutzt. „Vielleicht muss auch bei uns erst einer sterben, bis die Filiale mal gereinigt wird“, klagt Meszaros.

Die Antwort: Lohnkürzungen und Kündigungen

Marian Meszaros ist nicht die einzige Supermarkt-Mitarbeiterin, die ihre Arbeitsbedingungen kritisiert. Drei Millionen US-Bürger arbeiten im amerikanischen Lebensmittel-Einzelhandel. Viele davon unter widrigen Bedingungen, sagt die Gewerkschaft United Food and Commercial Workers International Union (UFCW), die rund 1,3 Millionen Mitglieder zählt. Mehr als 10.000 Supermarkt-Mitarbeiter hätten sich in den vergangenen Wochen – auch aufgrund mangelnden Arbeitsschutzes und fehlender Transparenz – mit dem Coronavirus infiziert, rechnet UFCW vor. 68 davon seien inzwischen verstorben.

Statt Arbeitsschutzmaßnahmen zu verstärken und Gehälter anzuheben, hätten viele Einzelhändler nur die Kosten im Blick, beklagt die Gewerkschaft in einem 100-seitigen Brandbrief an 49 US-Supermärkte. „Amazon, Whole Foods, Kroger und andere Unternehmen haben schamlos verkündet, ihren Arbeitern an der Front die Löhne zu kürzen“, sagte UFCW-Präsident Marc Perrone vor Kurzem in einem Pressegespräch. „Und das obwohl die Umsätze auf neue Rekordhöhen steigen.“ Zeitgleich würde die Zahl der Infektionen und Todesfälle bewusst verschwiegen, Mitarbeiter mundtot gemacht. „Amazon hat sogar Mitarbeiter gefeuert, die mutig genug waren, ihre Stimme zu erheben.“

Konkurrent Aldi als leuchtendes Vorbild

Dass sich Einzelhandelsunternehmen nicht sonderlich für ihre Mitarbeiter einsetzen, weiß auch Daniel Schneider. Der Soziologie-Professor der University of California in Berkeley hat die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitsverhältnisse von 8000 Supermarkt-Mitarbeitern untersucht. „Viele von ihnen mussten schon vor Ausbruch des Coronavirus unter prekären Bedingungen arbeiten“, sagt der Wissenschaftler. Nicht mal die Hälfte aller in den USA beschäftigten Einzelhandelsmitarbeiter etwa erhalte eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Jetzt, in der Krise, würden zwar viele Firmen ihre Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen verbessern und Supermärkte verhältnismäßig oft gereinigt. Verglichen mit anderen Branchen stellten die Einzelhändler allerdings relativ wenig Sicherheitsequipment wie Masken und Handschuhe zur Verfügung. Besser liefe es in Hotels, Drogerien und Apotheken, hier seien die Maßnahmen deutlich erhöht worden. Auch Lidl-Konkurrent Aldi steche in vielen Bereichen positiv hervor.

Keine Lohnfortzahlung?

Meszaros bemängelt nicht nur die mangelnde Reinigung in den von Lidl geführten Supermärkten im Großraum New York. Auch Maßnahmen zum Abstandhalten würden nicht durchgesetzt und viel zu viele Kunden gleichzeitig in die Filialen herein gelassen.

Auch den vom Bundesstaat New York angeordneten bezahlten Krankheitsurlaub nehme Lidl nicht ernst. Der steht offiziell all jenen zu, die sich potentiell oder tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert haben.

Statt 14 Tage wie von der US-Gesundheitsbehörde angeordnet, seien Meszaros allerdings lediglich fünf unbezahlte Tage angeboten worden.

Andere wiederum hätten zwar die zweiwöchige Auszeit genehmigt bekommen, so etwa Martha Guerra, deren Kollegin nach einer Infektion mit dem Virus gestorben sei. Lidls Personalabteilung sicherte ihr allerdings nach eigenen Angaben keine Lohnfortzahlung zu.

Hungerlohn statt Gefahrenzulage

„Die von Lidl schriftlich angekündigten Maßnahmen entsprechen nicht dem, was Mitarbeiter in den Läden vorfinden“, sagt Nathalia Alejandra Varela von der Bürgerrechtsorganisation Latino Justice. Die Anwältin vertritt einige der Mitarbeiter im Kampf gegen das Unternehmen. Daten aus China würden zeigen, dass Supermarktmitarbeiter ein 450-fach höheres Risiko hätten, an COVID-19 zu erkranken als die Kunden.

Dennoch würde Lidl als einziger von Dutzenden amerikanischen Einzelhändlern keine Gefahrenzulage zahlen. Der Lohn vieler Angestellten läge oft weit unterhalb des Existenzminimums. „Lidls Praktiken bringen das Leben der Mitarbeiter in Gefahr.“ Latino Justice hat deshalb offiziell Beschwerde bei der New Yorker Generalstaatsanwaltschaft eingereicht.

Lidl weist Vorwürfe zurück

Auch Lidl selbst haben sie mit den Vorwürfen konfrontiert. Auf Anfrage weist das Unternehmen die Anschuldigungen entschieden zurück. LIDL tue alles, um die Gesundheit und Sicherheit von Kunden und Mitarbeitern zu gewährleisten. Sobald man von einer Infektion erfahre, werde die Infektionskette zurückverfolgt und alle Angestellten, die mit dem Infizierten in Kontakt standen, bis zu 14 Tage bezahlt beurlaubt. „Die Vorwürfe entsprechen nicht den Handlungen, die wir während dieses öffentlichen Gesundheitsnotstandes getroffen haben“, so Lidl.

Das Unternehmen betont, alle von der US-Gesundheitsbehörde CDC erstellten Covid19-Richtlinien einzuhalten. Nicht nur Mitarbeitern über 65 Jahren und tatsächlich erkranken Angestellten sei bezahlter Krankheitsurlaub gewährt worden. Auch 150 Mitarbeitern, die zwar in engem Kontakt mit Infizierten gearbeitet, allerdings keine Symptome gezeigt hätten, habe man einen zweiwöchigen, bezahlten Krankheitsurlaub gewährt. Zusätzlich habe man sich um mehr als 2000 Anrufe besorgter Mitarbeiter gekümmert. „Wir nehmen unsere Verantwortung und den Schutz unserer Mitarbeiter sehr ernst“, heißt es von Lidl.

Auch den Fall Meszaros habe man sehr wohl im Blick. Dass man ihr keine zweiwöchige Auszeit gewährt habe, begründet das Unternehmen damit, dass der letzte Kontakt zum Infizierten bereits neun Tage her gewesen sei. Aufgrund der 14-tägigen Inkubationszeit habe man ihr deshalb fünf Tage bezahlten Krankheitsurlaub gewährt, auch wenn sie bis dato keine Symptome gezeigt habe. Vor ihrer Rückkehr in die Filiale habe man sichergestellt, dass sie keine Krankheitszeichen aufweise.

„Ich will meine Mutter nicht verlieren“

Marian Meszaros kann über all das nur den Kopf schütteln. Zusammen mit Latino Justice hat sie Dutzende Forderungen an das Unternehmen formuliert. Neben einer Gefahrenzulage, einer gründlicheren Reinigung und einer besseren Mitarbeiterschulung fordert sie vor allem mehr Transparenz. So sollen Mitarbeiter etwa zukünftig innerhalb von acht Stunden nach Bekanntwerden eines Infektionsfalles über die potentielle Gefahr informiert werden. Meszaros geht es dabei nicht nur um ihre eigene Gesundheit und die ihrer Kollegen. „Ich wohne mit meiner 86-Jährigen Mutter zusammen und will nicht, dass ich sie deshalb verliere.“